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Warum wir durch Handeln lernen, nicht durch Zuhören: Konstruktivismus nach Piaget

Wissen entsteht durch Handeln, nicht durch Zuhören. Was Piagets Konstruktivismus mit LEGO® SERIOUS PLAY® zu tun hat.

Ein paar schnelle Antworten vorab:

Was bedeutet Konstruktivismus in der Lernpsychologie?

Konstruktivismus besagt, dass Wissen nicht von einer Person zur anderen übertragen wird. Es wird von jedem Menschen selbst aktiv aufgebaut, durch Erfahrung, Handeln und den Abgleich eigener Annahmen mit der Realität.

Wer war Jean Piaget?

Jean Piaget (1896–1980) war ein Schweizer Entwicklungspsychologe. Er begründete mit jahrzehntelangen Beobachtungen von Kindern den Konstruktivismus, die Grundlage dafür, warum Bauen und Handeln beim Lernen mehr bewirken als reines Zuhören.

Bezieht sich Piagets Konstruktivismus nur auf Kinder oder auch auf Erwachsene?

Piagets konkrete Stufentheorie bezieht sich auf kindliche Entwicklung. Der zugrunde liegende Mechanismus, aktive Konstruktion statt passiver Übertragung, gilt in der modernen Erwachsenenbildung und Organisationsentwicklung als weithin anerkannte Grundlage.

Wie hängt Piagets Konstruktivismus mit LEGO® SERIOUS PLAY® zusammen?

Der Kernprozess von LEGO SERIOUS PLAY, in dem Teilnehmende eigene Modelle bauen statt nur zuzuhören, setzt Piagets Grundidee direkt um: Wissen entsteht durch aktives Handeln, nicht durch passive Übertragung.


Wer in einem Meeting sitzt und zwanzig Minuten lang einem neuen Konzept zuhört, kann eine Stunde später oft kaum noch sagen, worum es eigentlich ging. Wer stattdessen selbst ein Modell zu einer ganz anderen Frage baut, erinnert sich Wochen später noch an Details, die niemand extra erwähnt hat. Das liegt daran, wie Wissen überhaupt entsteht. Vor 100 Jahren hat das Piaget untersucht. Also weit vor der Zeit von LEGO. Lange bevor der erste Klemmbaustein überhaupt entwickelt wurde. Dieses Prinzip trägt bis heute jeden LEGO® SERIOUS PLAY® (LSP) Workshop.

Was Piaget eigentlich herausfand

Gegen zwei dominante Lernmodelle

Jean Piaget war Schweizer Entwicklungspsychologe, und ab den 1920er-Jahren beobachtete er, wie Kinder wirklich denken, nicht, wie Erwachsene sich das vorstellen oder wie sie es gerne hätten. Dabei waren ihm die falschen Antworten, die er bekam, ziemlich egal. Ihn interessierte, wie sich Verstehen selbst entwickelt, eine Fragestellung, für die er den Begriff genetische Epistemologie prägte.

Damit stellte er sich bewusst gegen zwei damals dominante Vorstellungen von Lernen. Die erste kam aus dem Behaviorismus: Lernen als reine Reizreaktion, ein Gehirn, das durch Wiederholung und Verstärkung beschrieben wird wie eine leere Tafel. Die zweite war schlichter, das naive Transmissionsmodell aus dem Klassenzimmer: Wissen wird von der lehrenden Person in den Kopf der lernenden Person übertragen. Ungefähr so, wie man Wasser von einem Glas ins nächste gießt.

Wissen durch aktive Konstruktion

Piagets zentrale These widersprach beidem. Wissen entsteht bei ihm nicht durch Aufnahme. Es entsteht durch aktive Konstruktion: Der Mensch baut sich eigene mentale Modelle der Welt, indem er mit ihr interagiert und seine Annahmen testet. Hält eine Annahme der Erfahrung nicht stand, passt er sie an. Diese These klingt heute selbstverständlich, viele haben sie schon tausend Mal gehört. In den 1920er-Jahren war das bahnbrechend. Sein Grundlagenwerk "The Origins of Intelligence in Children" bündelte Jahre an systematischer Beobachtung der eigenen Kinder, nicht eine schnelle Idee vom Schreibtisch aus.

Piaget und Dewey im Vergleich

Ungefähr gleichzeitig vertrat der amerikanische Philosoph John Dewey eine verwandte Überzeugung: "learning by doing". Auch bei ihm entsteht Verstehen durch Handeln, nicht durch reines Zuhören. Der Unterschied liegt in der Herangehensweise. Dewey argumentierte pädagogisch und philosophisch, Piaget dagegen empirisch, mit jahrzehntelanger, kontrollierter Beobachtung an echten Kindern. Wegen dieser Grundlage hält sich Piagets Konstruktivismus bis heute in der Entwicklungspsychologie.

Vom Schema zu Assimilation oder Akkommodation: Der eigentliche Mechanismus

Assimilation: Wenn Neues einfach passt

Piaget nannte die mentalen Strukturen, mit denen ein Mensch die Welt ordnet, Schemata. Jedes Mal, wenn eine neue Erfahrung dazukommt, passiert eines von zwei Dingen.

Im ersten Fall passt die neue Information einfach in ein bestehendes Schema. Sie wird eingegliedert, ohne dass sich am Schema selbst etwas ändert. Piaget nannte das Assimilation. Ein Kind, das schon weiß, was ein LEGO-Stein ist, nennt einen anderen Klemmbaustein in der Kita einen LEGO-Stein, auch wenn er sich unterscheidet. Kein neues Verständnis, es wird einem vorhandenen Schema zugeordnet.

Akkommodation: Wenn das Schema wackelt

Was aber, wenn die neue Information nicht passt? Dann muss das Schema verändert werden, damit die Erfahrung überhaupt einen Platz findet. Piaget nannte das Akkommodation. Kennt ein Kind einen Hund und sieht dann einen anderen einer anderen Rasse, erkennt es diesen trotzdem als Hund. Sieht das Kind, zum Beispiel in einem Wimmelbuch, zum ersten Mal eine Katze, dann nennt es die Katze ebenfalls Hund, weil sie vier Beine und Fell hat. Erst wenn diese Zuordnung nicht mehr funktioniert, wenn genug widersprüchliche eigene Erfahrung dazukommt, zum Beispiel im wiederholten Kontakt mit echten Katzen und Hunden, entsteht ein eigenes Schema für Katze.

Äquilibration: Der ständige Wechsel

Den ständigen Wechsel zwischen beiden Zuständen nannte Piaget Äquilibration. Und hier liegt der Punkt, der für jeden Workshop relevant ist, in dem es um echtes Verstehen gehen soll, nicht um reines Wiederholen: Wirkliches Lernen findet dort statt, wo Akkommodation nötig wird, wo die alte Erklärung nicht mehr reicht und etwas Neues entstehen muss. Reine Zustimmung, reines Nicken im Meeting, bleibt fast immer Assimilation: Rein in den Kopf damit, ohne sich groß Gedanken zu machen. Ist zwar bequem und schnell, nur leider ohne echten Effekt. Schade eigentlich.

Diese Äquilibration ist kein einmaliger Klick, kein einzelner Aha-Moment, der sich auf Knopfdruck herstellen lässt. Sie braucht wiederholte Durchläufe, mehrere Runden, in denen ein Schema an der Realität scheitert, bevor sich ein neues stabil und gemütlich einrichtet. Ein einzelner kurzer Anstoß reicht dafür in der Regel nicht, mehrere Bau- und Reflexionsrunden hintereinander schon eher. Schemata halten sich beim ersten Widerstand meist noch. Erst nach ausreichend wiederholter Konfrontation mit dem, was nicht passt, lösen sie sich tatsächlich auf. Deshalb baut ein guter LSP-Workshop selten auf nur einer einzigen Bau-Runde auf. Erst über mehrere aufeinander aufbauende Fragen und Reflexionsrunden hinweg kippt ein Schema wirklich, nicht schon nach der ersten Runde.

Warum Piaget mit Wasser und Gläsern experimentierte

Das Experiment mit den zwei Gläsern

Piaget kam zu dieser Theorie durch systematische Experimente. Eines seiner bekanntesten: Er füllte zwei identische Gläser mit derselben Menge Wasser, ließ ein Kind bestätigen, dass beide Gläser gleich viel enthalten, und goss dann eines der beiden in ein höheres, schmaleres Glas um. Kinder unter etwa sieben Jahren behaupteten danach zuverlässig, das schmalere Glas enthalte jetzt mehr Wasser, einfach weil der Wasserstand höher stand.

Warum Erklären nicht half

Der eigentliche Clou dieses Experiments steckt nicht in der falschen Antwort selbst. Entscheidend ist, was nicht funktionierte, um sie zu korrigieren. Man konnte es ihnen erklären, so oft man wollte: Es änderte an der falschen Einschätzung fast nichts. Erst als die Kinder selbst wiederholt umgossen, verglichen und die eigene Fehleinschätzung an der Realität scheitern sahen, verschob sich das Verständnis. Das hat also nichts mit Sturheit oder Dummheit zu tun. Es muss durch eigenes Handeln und die Erfahrung des eigenen Irrtums gelernt werden. (Und wie oft haben wir uns nicht schon selbst die Finger verbrannt, und damit meine ich nicht nur die heiße Herdplatte.)

Das ist der Kern, den Piaget über Jahrzehnte empirisch untermauerte, und der bis heute als eine der am breitesten akzeptierten Grundlagen der Entwicklungspsychologie gilt: Verstehen entsteht durch Handeln an der Welt, an Widerstand, an dem, was nicht gleich passt. Nicht durch die bloße Übertragung einer richtigen Antwort.

Gilt das auch für Erwachsene im Workshop?

An dieser Stelle lohnt sich die Frage, die ein kritischer Kopf sofort stellen würde: Piaget hat Kinder beobachtet, nicht Führungskräfte in Change-Prozessen. Trägt das wirklich in einen Konferenzraum?

Die ehrliche Antwort: Piagets konkrete Stufentheorie, wann genau ein Kind welche kognitive Fähigkeit entwickelt, bezieht sich tatsächlich auf kindliche Entwicklung und wird in der Fachwelt bis heute diskutiert und präzisiert. Der grundlegende Mechanismus dahinter ist aber etwas anderes, und der hört mit achtzehn nicht auf. Dass Wissen aktiv konstruiert wird, statt passiv übertragen zu werden, ist längst über die Entwicklungspsychologie hinaus zur Grundlage moderner Erwachsenenbildung geworden. Das reicht von handlungsorientierten und erfahrungsorientierten Trainingsformaten bis zu problembasiertem Lernen in Universitäten und Unternehmen. Assimilation und Akkommodation laufen bei einer erfahrenen Führungskraft im Strategieworkshop ziemlich ähnlich ab wie bei einem siebenjährigen Kind am Wasserglas. Nur die Schemata sind komplexer, und der Widerstand gegen die eigene Akkommodation ist deutlich größer, weil erwachsene Schemata über Jahre gefestigt wurden. Und auch hier hat es nicht unbedingt mit Sturheit zu tun. Zumindest in der Regel nicht.

Seymour Papert entwickelte Jahrzehnte später die Theorie weiter, nachdem er selbst mit Piaget zusammengearbeitet hatte: Was passiert, wenn aus dem rein mentalen Modell im Kopf ein geteiltes, greifbares Objekt wird, das andere sehen und diskutieren können. Das ist Konstruktionismus, ausführlich beschrieben in Vom Konstruktivismus zum Konstruktionismus: Warum das Modell selbst der Denkprozess ist.

Was das für den Workshop bedeutet

Wenn Reden nur Assimilation bleibt

Das lässt sich direkt auf den Kernprozess übertragen, den jeder LEGO® SERIOUS PLAY® Workshop nutzt: Frage, Bauen, Erzählen, Reflexion. Wenn eine Person eine komplexe Frage bekommt, zum Beispiel "Was blockiert unser Team wirklich", existiert dazu meistens schon ein Schema, eine fertige, oft vorschnelle Antwort, die im nächsten Meeting einfach rausgehauen würde. Reines Reden darüber bleibt in den meisten Fällen Assimilation: Die vorhandene Erklärung wird bestätigt, ausgeschmückt, aber nicht wirklich verändert.

Wo die Akkommodation beim Bauen entsteht

Sobald dieselbe Person anfängt, ein Modell dazu zu bauen, passiert etwas anderes. Die Bausteine leisten nicht das, was der Kopf sich vorgestellt hat. Eine Verbindung hält nicht, eine Figur passt nicht an die Stelle, die eigentlich gemeint war, eine Struktur wirkt beim Bauen instabiler, als sie sich angefühlt hat. Genau an diesem Widerstand entsteht die Akkommodation, die Piaget beschrieben hat: Das bestehende Schema reicht nicht mehr, ein neues, oft überraschenderes Verständnis entsteht, während die Hände noch arbeiten. Das ist die Grundlage für einen Satz, der bei mir in kaum einem Workshop ausbleibt: "Deine Hände wissen viel mehr, als Du denkst."

Für Facilitator heißt das: Die eigentliche Aufgabe liegt darin, mit jeder Bauphase gezielt die Bedingungen für Akkommodation zu schaffen, nicht nur für angenehme Bestätigung. Das ist der Unterschied zwischen einem Workshop, der sich gut anfühlt, weil alle sich einig waren, und einem, der tatsächlich etwas verändert, weil jemand am Ende etwas anderes weiß als vorher.

Was bleibt

Konstruktivismus liefert damit keine nette Zusatzbegründung für LEGO SERIOUS PLAY. Er erklärt, warum bloßes Reden in Meetings so oft folgenlos bleibt, während gebaute Modelle etwas verändern, das Wochen später noch da ist. Was mit dem einzelnen, mentalen Modell im Kopf beginnt, ist trotzdem erst die halbe Geschichte, die andere Hälfte, das geteilte Objekt auf dem Tisch, das andere sehen und mitdenken können, erzählt Vom Konstruktivismus zum Konstruktionismus: Warum das Modell selbst der Denkprozess ist. Einen Überblick über alle Denktraditionen hinter der Methode liefert Die Wissenschaft hinter LEGO® SERIOUS PLAY®.

Wer die Methode selbst noch nicht kennt, findet den Einstieg in LEGO SERIOUS PLAY kurz erklärt. Wie sich das Ganze live anfühlt, zeigt sich am ehesten im kostenlosen Meetup: Termine der nächsten Ausbildungen.

Von Matthias Renner, KI-unterstützt recherchiert.

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