Ein paar schnelle Antworten vorab:
Was bedeutet der Begriff "Embodied Cognition"?
Übersetzt: Verkörperte Kognition. Die Forschungsrichtung untersucht, wie Denken nicht ausschließlich im Kopf stattfindet. Bewegung, Körperhaltung und Sinneswahrnehmung prägen es zusätzlich mit. Zentrale These: Begriffe und Gedanken werden teilweise über Simulationen von Handlung und Wahrnehmung verarbeitet, nicht nur über abstrakte Symbole.Symbole.
Ist die Verbindung zwischen Handbewegung und Denken tatsächlich wissenschaftlich belegt?
Ja, in mehreren unabhängigen Forschungslinien. Am besten belegt ist die Wirkung von Gestik auf Sprechen und Lernen, erforscht unter anderem von Susan Goldin-Meadow an der University of Chicago. Dazu kommt die breitere Grounded-Cognition-Forschung um Lawrence Barsalou. Beides sind etablierte, seit Jahrzehnten wiederholt untersuchte Forschungsfelder.
Macht Bauen mit den Händen automatisch schlauer?
Nein, nicht grundsätzlich. Die Forschung zeigt, dass Handlung Denkprozesse unterstützen und das Arbeitsgedächtnis entlasten kann, nicht dass jede einzelne Handbewegung von sich aus zu besseren Ergebnissen führt. Entscheidend ist, wie sinnvoll die Handlung mit der Fragestellung verbunden ist, nicht die Handlung allein.
Warum baut man bei LEGO® SERIOUS PLAY® mit den Händen statt nur zu diskutieren?
Weil das Bauen Wissen zugänglich macht, das beim reinen Sprechen oft unausgesprochen bliebe. Die Hände arbeiten Ambiguität durch, bevor die passenden Worte dafür da sind. Das erklärt den häufigen Effekt: "Ich wusste gar nicht, dass ich das wusste."
Ist das nicht einfach nur "Learning by Doing"?
Nicht ganz. Learning by Doing betont, dass praktisches Tun beim Lernen hilft, unabhängig vom Warum. Embodied Cognition erklärt den Mechanismus dahinter genauer: Bewegung ist nicht nur eine Übungsgelegenheit, sondern auf neuronaler Ebene tatsächlich am Denkprozess selbst beteiligt.
Menschen, die von Geburt an blind sind, gestikulieren beim Sprechen. Auch dann, wenn ihr Gegenüber ebenfalls blind ist und die Bewegung niemals sehen wird. Dieser Befund stammt aus einer Studie von Jana Iverson und Susan Goldin-Meadow aus dem Jahr 1998, veröffentlicht in Nature, und ist seitdem gut dokumentiert. Er wirft eine unbequeme Frage auf: Wozu die Hände bewegen, wenn niemand zuschaut?
Die naheliegende Antwort, Gestik verdeutlicht Kommunikation für das Gegenüber, greift hier offensichtlich zu kurz. Die echte Erklärung ist viel spannender: Die Hände bewegen sich nicht in erster Linie für ein Publikum. Sie bewegen sich, weil sie am Denken selbst beteiligt sind.
Hier setzt die Forschung zu Embodied Cognition (verkörperte Kognition) an. Für einen LEGO SERIOUS PLAY Workshop, in dem Erwachsene stundenlang mit den Händen an einem Modell arbeiten, statt nur am Konferenztisch zu diskutieren, ist das elementar: Die neurowissenschaftliche Grundlage dafür, warum diese Form des Arbeitens etwas leistet, das reines Reden nicht leistet. Wer selbst schon einmal so gebaut hat, statt nur zu reden, hat diesen Effekt vermutlich gespürt, auch ohne einen Namen dafür zu kennen.
Denken ist keine reine Kopfsache
Die klassische Vorstellung vom Denken
Wie stellen sich die meisten das Denken vor?
- Der Körper liefert Sinneseindrücke.
- Das Gehirn verarbeitet sie zu abstrakten Symbolen.
- Das eigentliche Denken findet dann losgelöst davon statt, wie in einer Recheneinheit.
Der Körper ist in diesem Bild nur Zulieferer, kein Teil des Denkprozesses selbst. Klingt ja auch logisch und einigermaßen nachvollziehbar. Nur mittlerweile wissen wir, so läuft es nicht. Das wäre zu kurz gesprungen und viel, viel zu einfach gedacht.
Barsalous Grounded Cognition
Die Grounded-Cognition-Forschung ist maßgeblich geprägt vom Kognitionswissenschaftler Lawrence Barsalou. Ihre zentrale These: Wenn Menschen einen Begriff verstehen oder abrufen, aktivieren sie dabei zumindest teilweise dieselben sensorischen und motorischen Areale, die auch bei der tatsächlichen Wahrnehmung oder Handlung aktiv wären. Der Gedanke an "eine Idee greifen" nutzt also nicht zufällig eine Greif-Metapher. Er beteiligt motorische Simulationsprozesse.
Konkrete und abstrakte Begriffe
Bei konkreten Begriffen wie Tasse oder Treppe ist das inzwischen gut belegt. Wer an eine Tasse denkt, aktiviert dabei messbar Areale, die auch beim tatsächlichen Greifen einer Tasse aktiv wären, die Greifbewegung der Hand eingeschlossen. Bei "Treppe" sind es entsprechend Areale, die sonst beim Steigen oder Klettern aktiv würden. Das Gehirn simuliert die Handlung mit, auch wenn nur das Wort dasteht.
Schwieriger wird es bei abstrakten Begriffen wie Gerechtigkeit oder Strategie, für die es keine direkte sensorische Entsprechung gibt. Barsalous Antwort darauf: Abstrakte Konzepte greifen stattdessen auf innere Zustände zurück, auf Introspektion, Emotion und die Erfahrung, etwas als stimmig oder unstimmig zu erkennen. Beim Begriff Strategie ist das zum Beispiel das Gefühl von Kontrolle oder Orientierung, das sich einstellt, wenn ein Plan aufgeht, kein Bild von Aktion oder Bewegung. Nicht mehr Auge und Hand, aber immer noch der Körper als Ressource, nur auf einer anderen Ebene.
Was die Bildgebung zeigt
Bildgebende Studien liefern dafür einen konkreten Anhaltspunkt. Liest jemand ein Wort wie "treten" oder "greifen", zeigt sich messbare Aktivität in genau den Arealen der motorischen Hirnrinde, die auch bei der tatsächlichen Bein- oder Handbewegung aktiv wären. Dieser Effekt wurde seit Mitte der 2000er-Jahre mehrfach repliziert. Sprache über Handlung ist demnach keine rein symbolische Angelegenheit. Sie zieht zumindest teilweise denselben motorischen Schaltkreis mit hinein, der auch die Handlung selbst steuern würde.
In der Kognitionswissenschaft wird bis heute diskutiert, bis zu welchem Grad Körperprozesse am Denken beteiligt sind. Die starke Version, Denken bestehe konstitutiv aus Körperprozessen, gilt unter Fachleuten als angreifbar. Dass Körperprozesse Denken kausal beeinflussen und unterstützen, ohne es vollständig zu ersetzen, gilt dagegen als gut abgesichert. Für die Frage, warum Bauen beim Denken hilft, reicht diese schwächere, gut abgesicherte Version völlig aus, eine starke Behauptung braucht es dafür nicht.
Die Hände denken mit, bevor die Worte da sind
Erstens: Gesten verraten Wissen vor den Worten
Am konkretesten wird die Forschung bei Gestik, dem Fachgebiet von Susan Goldin-Meadow und ihrem Team an der University of Chicago. Ihre Ergebnisse lassen sich in drei Kernbefunden zusammenfassen, jeder für sich mehrfach repliziert.
Gesten verraten Wissen, bevor es sich in Worte fassen lässt. Die ursprüngliche Beobachtung dazu stammt aus Experimenten mit klassischen Piaget-Aufgaben zur Mengenkonstanz. Ein Standardbeispiel: Ein Kind im Alter von etwa fünf bis sieben Jahren sieht zwei gleiche Gläser mit derselben Menge Wasser. Vor seinen Augen wird der Inhalt eines Glases dann in ein schmaleres, höheres Glas umgefüllt. Kinder in diesem Alter sagen daraufhin oft, jetzt sei mehr Wasser da, weil der Pegel höher steht, eine typische Fehlantwort. Beim Erklären dieser Antwort formen ihre Hände aber oft gleichzeitig die schmalere Breite des neuen Glases nach. Das ist ein Zeichen dafür, dass sie den entscheidenden zweiten Faktor, die Breite, bereits wahrnehmen, obwohl er in der gesprochenen Antwort noch fehlt. Diese sogenannten Gesten-Sprache-Mismatches gelten inzwischen als verlässliches Signal dafür, dass jemand kurz davor steht, ein Konzept zu verstehen, noch bevor sich das sprachlich äußert.
Zweitens: Gestik entlastet das Arbeitsgedächtnis
Wer beim Erklären einer Rechenaufgabe die Hände einsetzt, hat nachweislich mehr geistige Kapazität für die eigentliche Denkleistung übrig. Ein Beispiel: Rechnet jemand 27 und 15 im Kopf zusammen und zeigt dabei mit einer Handbewegung an, welche Zehnerstelle gerade übertragen wird, muss diese Zwischenrechnung nicht vollständig im Kopf gehalten werden. Ein Teil der Repräsentation wandert nach außen in die Bewegung, statt komplett im Kopf gehalten werden zu müssen. Die Hand übernimmt einen Teil der Rechenarbeit im wörtlichen Sinn.
Drittens: Mit Gestik gelerntes bleibt haften
Was mit Gestik gelernt wird, bleibt länger haften. In einer Studie von Susan Wagner Cook, Zachary Mitchell und Susan Goldin-Meadow aus dem Jahr 2008, veröffentlicht in Cognition, setzten Kinder beim Lernen einer neuen Rechenstrategie eigene Gesten ein oder wurden zum Gestikulieren angeleitet. Das Gelernte konnten sie über Wochen hinweg zuverlässiger abrufen als Kinder, die dieselbe Erklärung nur gehört hatten. Alle drei Befunde sind über Jahrzehnte hinweg an verschiedenen Orten mehrfach repliziert, was in der Psychologie keineswegs selbstverständlich ist.
Diese drei Befunde zusammen ergeben ein klares Bild: Handbewegung ist kein Beiwerk zum Denken, das nachträglich illustriert, was im Kopf schon fertig ist. Sie ist Teil des Prozesses, mit dem ein Gedanke überhaupt erst seine endgültige Form findet.
Was das für einen Tisch voller bunter Bausteine bedeutet
Wenn Reden nicht reicht
Die meisten Meetings laufen andersherum. Es wird geredet, bis alle das Gefühl haben, genug gesagt zu haben - oft auch gerne mehrfach dasselbe. Notiert wird am Ende trotzdem meist nur, was ohnehin schon vorher im Raum stand.
Im Artikel "LEGO® SERIOUS PLAY® kurz erklärt" taucht ein Satz auf, den viele Teilnehmende nach ihrem ersten Workshop selbst so oder ähnlich formulieren: "Ich wusste gar nicht, dass ich das wusste." Für genau diesen Effekt gibt es im Englischen den schönen Ausdruck "give your brain a hand". Nach allem, was oben zu Gestik und Grounded Cognition steht, lässt sich das jetzt präziser erklären, statt es nur als hübsche Formel stehen zu lassen.
Was beim Bauen sichtbar wird
Baut jemand ein Modell zu einer komplexen Frage, etwa zur eigenen Rolle im Team, passiert etwas Ähnliches wie bei den Kindern mit der Gesten-Sprache-Diskrepanz, nur ausführlicher und mit einem greifbaren Ergebnis am Ende. Die Hände arbeiten eine Struktur durch, Verbindungen, Abstände, was neben was steht, bevor die passenden Worte dafür überhaupt zur Verfügung stehen. Das fertige Modell macht sichtbar, was beim reinen Nachdenken oder Reden vage geblieben wäre. Das deckt sich mit Seymour Paperts Konstruktionismus: Nicht nur die Handlung treibt das Denken voran, sondern auch das entstehende, geteilte Objekt selbst.
Manipulative in der Bildung
Eine zweite, seit Jahrzehnten gut untersuchte Forschungslinie bestätigt dasselbe Bild: Der Einsatz von Manipulativen, also angefassten und bewegten Gegenständen, in der Bildung. Schon in der Mathematikdidaktik zeigt sich derselbe Effekt. Das Hantieren mit konkreten Objekten reduziert die kognitive Last für abstrakte Inhalte. Ein Teil der Denkarbeit wandert dabei in die Handlung und in das Objekt selbst, statt komplett im Kopf verarbeitet werden zu müssen. Für ein Strategiegespräch, das ohnehin komplex genug ist, ist diese Entlastung besonders wertvoll. Wer nicht die gesamte Komplexität im Kopf jonglieren muss, hat mehr Kapazität für den eigentlichen Inhalt übrig.
Ein gemeinsames Objekt auf dem Tisch
Auf Brickolution®, meiner Plattform für Unternehmenskunden, beschreibe ich das oft so: Ein Modell steht danach für alle sichtbar auf dem Tisch. Vorher hätten mehrere Personen im selben Gespräch oft ganz unterschiedliche Bilder im Kopf gehabt, ohne es zu merken. Danach schauen alle auf dasselbe Objekt. Die Forschung oben liefert dafür die neurowissenschaftliche Begründung. Ein gebautes Modell ist kein netter Zusatz zur Diskussion. Es ist der Mechanismus, über den Wissen überhaupt erst zugänglich wird, das sonst unausgesprochen geblieben wäre. Eine gute Facilitation macht es trotzdem nicht überflüssig – ein Glück! Aber es macht sie etwas leichter.
Fazit
Die Hände sind kein Werkzeug, das lediglich ausführt, was der Kopf bereits fertig gedacht hat. Sie sind an dem Prozess beteiligt, der einen Gedanken erst zu einem fertigen Gedanken macht. Das zeigen die Forschung zu Gestik und die Grounded-Cognition-Forschung unabhängig voneinander und übereinstimmend. Für einen Workshop, in dem gebaut statt nur geredet wird, ist das die Erklärung, warum am Ende oft mehr auf dem Tisch steht, als jemand vorher in Worte hätte fassen können. Und be-griffen wird oft auch viel mehr.
Die Gesamtübersicht "Die Wissenschaft hinter LEGO® SERIOUS PLAY®" versammelt alle weiteren Denktraditionen, die die Methode erklären.
Wer selbst erleben will, wie sich das anfühlt, statt es nur zu lesen, findet einen ersten, unverbindlichen Einstieg bei den nächsten Terminen.
Von Matthias Renner, KI-unterstützt recherchiert.





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