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Vom Konstruktivismus zum Konstruktionismus: Warum das Modell selbst der Denkprozess ist

Seymour Paperts Konstruktionismus zeigt, warum ein geteiltes, greifbares Modell mehr Lernen erzeugt als reines Nachdenken.

Ein paar schnelle Antworten vorab:

Was ist der Unterschied zwischen Konstruktivismus und Konstruktionismus?

Konstruktivismus nach Piaget beschreibt, wie ein Mensch Wissen im eigenen Kopf aufbaut, durch aktives Handeln mit der Welt. Konstruktionismus nach Papert baut direkt darauf auf und ergänzt einen entscheidenden Punkt: Lernen wirkt besonders stark, wenn dabei ein geteiltes, greifbares Objekt entsteht, eine Sandburg, ein Programm oder ein LEGO® SERIOUS PLAY® Modell.

Wer war Seymour Papert?

1928 in Pretoria, Südafrika, geboren. Mathematiker und Lernforscher. Er arbeitete fünf Jahre lang, bis 1964, direkt mit Jean Piaget in Genf zusammen, bevor er ans MIT ging, und veröffentlichte 1980 mit "Mindstorms: Children, Computers, and Powerful Ideas" die Grundlage des Konstruktionismus.

Was bedeutet "Objects to Think With"?

Ein Objekt zum Denken ist ein greifbares Ding, mit dem sich eine abstrakte Idee sichtbar und veränderbar machen lässt, statt nur darüber nachzudenken. Papert benutzte dafür eine programmierte Schildkröte, die Kinder über den Bildschirm steuerten. Das Denken passiert dabei am Objekt selbst, nicht nur im Kopf davor.

Was hat das mit LEGO SERIOUS PLAY zu tun?

Das gebaute Modell in einem Workshop ist genau so ein Objekt zum Denken. Es entsteht nicht, um eine bereits fertige Meinung zu illustrieren. Es erzeugt die Meinung erst während des Bauens, sichtbar und teilbar für die ganze Gruppe.


Laut seinem Vorwort in seinem Buch "Mindstorms" kannte Seymour Papert das Wort Getriebeteile bereits, als er noch nicht mal zwei Jahre alt war. Wie ein Getriebe wirklich funktioniert, verstand er erst Jahre später, doch von da an wurden Zahnräder sein liebstes Spielzeug, allen voran das Differentialgetriebe. Papert selbst hat später geschrieben, dass sich diese frühe Liebe zu Zahnrädern nicht rein kognitiv erklären lässt. Diese kindliche Faszination wurde für ihn zum Schlüssel für abstrakte Mathematik: Gleichungen mit zwei Unbekannten ergaben plötzlich Sinn, weil er sie sich als ineinandergreifende Zahnräder vorstellen konnte.

Jahre später, beim Lesen von Piagets Werk, erkannte Papert in dieser Erinnerung, was Piaget "Assimilation" nannte: Das Einordnen neuer Erfahrungen in bereits vorhandene Denkmuster. Er blieb trotzdem überzeugt, dass ein Teil der Geschichte fehlte. Piaget beschrieb Assimilation fast ausschließlich als kognitiven Vorgang. Für Papert war das Zahnrad kein Denkobjekt allein.

Aus dieser Lücke, zwischen dem, was Piaget beschrieb, und dem, was Papert selbst gefühlt hatte, wuchs eine der einflussreichsten Lerntheorien des 20. Jahrhunderts: Der Konstruktionismus. Paperts eigene Zusammenfassung, Jahrzehnte später: Was die Zahnräder nicht für jedes Kind leisten konnten, sollte vielleicht der Computer leisten können. Dieser Gedanke brauchte Jahrzehnte Forschung am MIT, mündete 1980 in einem einzigen Buch, und erklärt bis heute, warum das gebaute Modell in einem LEGO SERIOUS PLAY Workshop mehr leistet als jede Präsentation.

Wo Konstruktivismus endet und Konstruktionismus anfängt

Eine Weiterentwicklung von innen heraus

Der erste Artikel dieser Reihe hat Jean Piagets Konstruktivismus vorgestellt: Wissen entsteht nicht durch Zuhören. Es entsteht, indem ein Mensch aktiv mit der Welt handelt und sich daraus selbst ein inneres Modell baut.

Diese Lücke, das Gefühl neben dem Verstehen, ließ Papert nicht los. Er arbeitete fünf Jahre lang, bis 1964, direkt mit Piaget am Genfer Zentrum für genetische Epistemologie zusammen. Konstruktionismus ist deshalb keine Gegentheorie, die Piaget widerlegen will. Es ist eine bewusste Weiterentwicklung von innen heraus, formuliert von jemandem, der beim Original mit am Tisch saß.

Papert in eigenen Worten

In eigenen Worten hat Papert den Unterschied so beschrieben: Konstruktionismus teilt die Grundannahme des Konstruktivismus, dass Wissen durch fortschreitende Verinnerlichung von Handlungen aufgebaut wird. Er fügt einen entscheidenden Zusatz hinzu: Das gelingt besonders gut, wenn der Lernende bewusst damit beschäftigt ist, eine öffentliche, geteilte Sache zu bauen, egal ob eine Sandburg am Strand oder eine Theorie des Universums.

Ackermann: nach innen vs. nach außen

Die Kognitionsforscherin Edith Ackermann, die am MIT eng mit Papert zusammengearbeitet hat, bringt den Unterschied in einem vielzitierten Aufsatz auf den Punkt: Piagets Blick richtet sich nach innen, auf die stabile innere Struktur des Wissens. Paperts Blick richtet sich nach außen, auf die Dynamik der Veränderung, auf das, was entsteht, wenn Denken einen Ausdruck außerhalb des Kopfes bekommt. Ackermann vergleicht Piagets Bild vom lernenden Kind mit einem jungen Robinson Crusoe, der allein und neugierig eine unbewohnte Insel erkundet. Paperts Kind dagegen bleibt in Beziehung, mit Menschen und mit Dingen, und lernt gerade aus dieser Verbundenheit.

Objekte zum Denken

Sein eigenes Zahnrad-Erlebnis ließ sich nicht einfach auf jedes Kind übertragen. Die Liebe zu Zahnrädern ist vielleicht eher ungewöhnlich, und nicht jedes Kind verliebt sich in dieselbe Mechanik. Also baute Papert am MIT etwas Universelleres: Die Programmiersprache LOGO, die Jahre später auch den Namen für LEGO Mindstorms lieferte, siehe Keine Erfindung vom Reißbrett: Die Geschichte von Rasmussen und Kristiansen. Was dabei entsteht, nannte er ein "Object to Think With", ein Objekt zum Denken. Kinder steuerten eine kleine digitale Schildkröte über den Bildschirm und ließen sie geometrische Formen zeichnen. Dabei ging es nie darum, Programmieren als Selbstzweck zu lernen. Die Schildkröte war ein Werkzeug, mit dem abstrakte mathematische Ideen wie Winkel, Wiederholung und Symmetrie plötzlich greifbar und veränderbar wurden. Ein Kind musste nicht erst verstehen, was ein rechter Winkel ist, um ihn zu benutzen. Es probierte, sah das Ergebnis, korrigierte, und verstand dabei, was ein rechter Winkel ist.

Gemeinsam mit der Soziologin Sherry Turkle ging Papert später noch einen Schritt weiter. In ihrem Aufsatz "Epistemological Pluralism and the Revaluation of the Concrete" (1991) stellten beide eine Grundannahme der klassischen Erkenntnistheorie infrage: Dass abstraktes, unpersönliches Wissen automatisch höherwertig ist als konkretes, persönliches Wissen. Ihre These: Konkretes Denken, das Arbeiten mit einem greifbaren Objekt, ist keine Vorstufe zum eigentlichen, abstrakten Denken. Es ist eine eigenständige, vollwertige Art zu wissen, die auch bei Erwachsenen und selbst bei Wissenschaftler:innen nicht verschwindet, sobald sie im Denken "erwachsen" werden.

Warum das Modell mehr weiß als der Kopf, der es baut

Der innere Editor ist schneller

Das ist einer der großen Unterschiede zwischen einer "normalen Feedbackrunde" und einem Workshop mit LEGO SERIOUS PLAY. Wer gebeten wird, seine Meinung einfach zu sagen, greift fast automatisch auf das zurück, was er ohnehin schon gedacht oder für sozial akzeptabel gehalten hat. Der innere Editor ist schneller als der ehrliche Gedanke. Wir hauen unseren Gedanken sozusagen auf die Finger.

Wenn die Hände entscheiden, bevor der Kopf erklärt

Bauen funktioniert anders, aus neurowissenschaftlicher Sicht ausführlich erklärt in Hände und Kopf: Was Embodied Cognition über das Denken mit den Händen weiß. Während die Hände arbeiten, mit Formen, Farben und Verbindungen, die niemand vorher festgelegt hat, entstehen Entscheidungen, für die der Kopf noch keine fertige Erklärung parat hat. Erst beim Erzählen über das fertige Modell wird der:die Bauende selbst mit dem eigenen Ergebnis konfrontiert und muss es sich erklären. Und gerade dann kommen überraschende Ergebnisse zustande.

Das deckt sich genau mit dem Vier-Schritte-Kernprozess aus LEGO® SERIOUS PLAY® kurz erklärt: Frage, Bauen, Erzählen, Reflexion. Der Schritt "Erzählen" ist in Paperts Theorie kein Nebenschauplatz, er ist der Moment, in dem das gebaute Wissen erst richtig entsteht. Das Modell entsteht nicht, um eine bereits vorhandene Idee zu illustrieren. Das Bauen ist der Denkprozess selbst, nicht seine Verpackung danach.

Ein Modell, das man anfassen kann

Der zweite Baustein von Paperts Theorie betrifft, was mit dem fertigen Objekt passiert, sobald es existiert. Ackermann beschreibt das so: Ein gebautes Modell gewinnt ein Eigenleben und kann von da an behandelt werden, als wäre es "nicht ich". Dadurch wird ein Dialog mit ihm erst möglich, der innere Dialog der bauenden Person mit sich selbst ebenso wie der Dialog mit allen anderen am Tisch.

In einer Gruppe wird daraus ein zusätzlicher Effekt. Jedes Modell auf dem Tisch ist öffentlich, sichtbar, anfassbar für alle. Andere Teilnehmende können auf einen bestimmten Baustein zeigen und konkret nachfragen, warum ausgerechnet dieser dort sitzt, was bei einer rein mündlichen Aussage kaum möglich wäre. Piagets Konstruktivismus beschreibt gut, wie ein einzelner Mensch zu einer Einsicht kommt. Papert liefert die Erklärung dafür, warum diese Einsicht in einem Raum voller Menschen plötzlich teilbar wird, ohne dass jemand sie vorher in perfekte Worte fassen muss.

Was das für die Rolle als Facilitator bedeutet

Vertrauen in den Bauprozess

Für angehende Facilitator:innen verschiebt Konstruktionismus den Blick auf die eigentliche Aufgabe im Raum. Es geht nicht darum, ein Thema gut zu erklären, bevor gebaut wird, so verlockend das für jede gut vorbereitete Person ist. Es geht darum, der Gruppe genug Vertrauen in den Bauprozess selbst zu geben, auch wenn ein Modell zunächst konfus, unfertig oder überraschend wirkt.

Wenn Stille die eigentliche Arbeit macht

Die größte Versuchung für unerfahrene Facilitator:innen ist, zu früh einzugreifen, zu erklären, zu strukturieren, weil Stille am Tisch unangenehm wirkt. Diese Stille ist aber der Moment, in dem das Objekt seine eigentliche Arbeit macht, nah verwandt mit dem, was Flow-Theorie über den richtigen Schwierigkeitsgrad beim Bauen zeigt. Wer sie zu früh unterbricht, nimmt der Gruppe den Denkprozess wieder weg, den das Bauen gerade erst ermöglicht hat.

Konstruktivismus erklärt, warum Handeln besser lehrt als Zuhören. Konstruktionismus erklärt, was passiert, sobald aus diesem Handeln ein geteiltes, greifbares Ding wird. Für LEGO SERIOUS PLAY sind das keine zwei getrennten Theorien. Es ist eine einzige Argumentationslinie, die beim Individuum beginnt und bei der Gruppe endet. Wie sich diese Linie über weitere Denktraditionen fortsetzt, von Neurowissenschaft bis Flow-Theorie, zeigt Die Wissenschaft hinter LEGO® SERIOUS PLAY®.

Wer das lieber selbst erleben will, statt nur darüber zu lesen, findet einen ersten, unverbindlichen Eindruck davon, wie sich ein Objekt zum Denken tatsächlich anfühlt, bei den nächsten Terminen.

Von Matthias Renner, KI-unterstützt recherchiert.

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